In Abhängigkeit von der Untersuchungsmethode und der untersuchten Population kann in ca. 90 % aller Fälle von Marfan-Syndrom, die nach den Genter Kriterien (de Paepe u. Mitarb., 1996) als 'gesichert' gelten, eine krankheitsauslösende Genveränderung (Mutation) im Fibrillin1-Gen (FBN1, Marfan-Syndrom, Typ I) oder im Transforming growth factor-beta-receptor, type II-Gen (TGFBR2, Marfan-Syndrom, Typ II) nachgewiesen werden (Mizuguchi u. Mitarb., 2004). FBN1- und TGFBR2-Mutationen werden jedoch auch bei Patienten mit 'marfanoiden' Merkmalen gefunden, die diese Kriterien nicht erfüllen. Erkrankungen, die auf Veränderungen des Fibrillins zurückzuführen sind, werden auch als 'Fibrillinopathien' bezeichnet.

Der Nachweis einer FBN1- oder TGFBR2-Mutation, die zu einer krankhaften Veränderung der von diesen Genen kodierten Proteine führt, kann zur Absicherung der klinischen Verdachtsdiagnose beitragen. Mutationen im TGFBR1- bzw. TGFBR2- Gen führen zum klinischen Krankheitsbild des Loeys- Dietz- Syndroms, dessen Symptome mit dem Marfan- Syndrom überlappen. Wenn im FBN1- Gen keine Mutation identifiziert werden kann, sollte eine Mutationsanalyse in diesen beiden Genen erwogen werden. Genetische Tests werden ferner zur Diagnose einer Anlagenträgerschaft vor Ausbruch der Erkrankung ('präsymptomatische Diagnose') und zum vorgeburtlichen Nachweis einer Anlage für das Marfan-Syndrom eingesetzt. Der Mutationsnachweis kann richtungsweisend für Vorbeugung und Therapie sein (Loeys u. Mitarb., 2003). Es darf ferner als gesichert gelten, dass die Art der Mutation das klinische Erscheinungsbild und damit die Prognose des Krankheitsverlaufs beeinflusst (Schrijver u. Mitarb., 2002; eigene unveröffentlichte Befunde).

Die Mutationssuche ist ein aufwändiges Verfahren, und es muss im Einzelfall geprüft werden, ob ihre Anwendung gerechtfertigt ist. Die folgenden Grundregeln sollen zur Entscheidungsfindung beitragen.

  1. Eine Mutationssuche ist indiziert zur Absicherung einer klinischen Verdachtsdiagnose und/oder als Grundlage weiterer Entscheidungen zur medizinischen Versorgung.
  2. Der Nachweis einer Mutation kann im Zusammenhang mit einer Familienplanung, in der vorgeburtlichen Diagnostik sowie in der präsymptomatischen Diagnostik bei Familienangehörigen indiziert sein.
Prof. Dr. med. Jörg Schmidtke (1), PD Dr. med. Yskert von Kodolitsch (2),PD Dr. med. Mine Arslan- Kirchner (1)
(1) Institut für Humangenetik, Medizinische Hochschule Hannover,Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover
(2) Universitäres Herzzentrum Hamburg, Martinistr. 52, 20246 Hamburg

Literatur:

De Paepe u. Mitarb., Am J Med Genet 62:417 (1996)
Loeys u. Mitarb., Acta Clin Belg 58(1):3-11 (2003)
Mizuguchi u. Mitarb., Nat Genet 36(8):855-60 (2004)
Schrijver u. Mitarb., Am J Hum Genet 71(2): 223-37 (2002)